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eierlikoer

Alles wird gut mit Eierlikör

Bei einem Familienausflug in Liebe zu sein fällt schwerer. Je nach dem wie darauf vorbereitet wird, kann es wie auf Weihnachten freuen sein. Oder es kann die Hölle sein. Eins dieser magischen Worte, das nie erwähnt werden darf ist Laufen. Laufen ist der Tot. Ist Strafe. Wird durch keine Schnitzelgröße aufgehoben. Wir allerdings benutzen dieses Wort, um unsere Kinder zu ärgern. Wir rächen uns damit. Wir rächen uns dafür, dass drei Kinder einfach ganz schön viel sind, und egal wie man es anstellt, es ist schwer, sich nicht als Versager zu fühlen. Ich erinnere mich an meine Haltung dazu als ich Mitte zwanzig war. Und Mütter im Cafè. Was gehen die auch ins Cafè. Mit ihren Kindern zetern sehen habe. Die habens nicht im Griff dachte ich. Was kriegen die auch Kinder. Jetzt haben wir welche. Drei. Und Bauch und Falten. Meine Haltung ist jetzt auch 20 Jahre her. Bis auf den Part mit dem Griff. Den haben wir nicht wirklich.
Man merkt das aber direkt. Schon beim ersten Kind. Das ist hier kein Erziehungsratgeber. Kein Buch. Keine Broschüre. Das ist die Realität. Und der Punk in einem will es aber trotzdem so wie er denkt. Sie auch. Wir machen es dann einfach irgendwie. Fahrlässig. So wie das ganze Leben.
Und irgendwann können sie doch selbst mit dem Bus fahren. Ihre Klamotten zusammen suchen. Eine Gabel in den Mund schieben, ohne sich zu verletzen. Ein Schnitzel klein schneiden. Womit wir wieder beim Ausflug wären. Wandern und Essen, sagen wir. Zuckerbrot und Peitsche.
Wie weit?
Sind wir schnell wieder da?

Mein Nachwuchs ist bereits digital. Ihre Zeit machen. Einst eine halbe Stunde am Tag.
Heißt jetzt einfach: ich sitze stundenlang vor dem Nintendo, dem Tablet, dem IPhone. Spiele Bundesliga gegen den Computer oder checke Fußballergebnisse. Raus gehe ich nur zum Fußballspielen. Aber das ist ja nicht laufen. Laufen ist dieses blöde latschen. Mit den Füßen. Die Alten sagen. Guck mal, wie geil die Aussicht. Ich sage. Oh, Interessant und auch spannend. Ich meine das auch ein bisschen so. Heute entscheidet sich wer in die Bundesliga aufrückt. Ich will Schnitzel. Ich bin elf. Ausflüge interessieren mich einen Scheiß.

Wir haben die große Karre, die schon seit 10 Jahren bei uns ist, in den Kofferraum geladen. Die Jüngste findet laufen noch super. Läuft aber nicht so gut. Drum haben wir diese Monster von einem Kinderwagen überall dabei. Ganze Campingausrüstungen kann man dort drin verstauen. Für lange Wochenenden. Die Werra entlang. Und die Weser. An jeder schönen Wiese bleiben wir stehen. Zelten wild. Mit Lagerfeuer. Der Fluss rauscht. Wir spielen Mantren auf der Gitarre. Singen. Wanderlieder. Zupfgeigenhansel. … sondern des Pfaffen Arschgesicht … die Kinder johlen.
Müssen wir mal machen denke ich.
Ich wuchte das Ding jetzt raus. Die Gattin hat zehn Glasflaschen Erfrischungsgetränke dabei. Alle schon drin. Jetzt ist es auch schön warm.
Es gibt nur einen Wanderweg. Der ist nicht die versprochenen elf Kilometer lang. Sie freuen sich. Ein Spaziergang. Keine sportliche Note. Los.

Es ist ein Hohlweg. Ich habe meine sportliche Note. Schiebe das Monster von einem Kinderwagen mit ausgetreckten Armen. Bergauf. Ordentlich steil. Die Kids laufen im Wald herum. Sie kreischen und haben Spaß. Würden sie nie zugeben. Wenn ihre Gesichter wieder ins blaue Licht getaucht sind. Sagen sie: ging so. Wenn wir wieder Ausflug rufen, werden sie kleine Nervenzusammenbrüche vortäuschen. Werden Kraftausdrücke vor sich hin schimpfen, die sie nicht von mir haben. Aber jetzt sind sie gerade glücklich. Laufen ohne zu laufen.

Ich schiebe das Ding. Ich bin ein wenig frustriert. Ich betrachte mir die anderen Ausflügler. Wir sind der aus dem Leim gegangene deutsche Durchschnitt mit drei Kindern. Und das kann man sehen. Ich versuche hinter meiner Sonnenbrille etwas Cooleres zu denken. Aber das ist Schönrederei. Wir sind die anderen. Die anderen. Das sind wir. Man nickt sich freundlich zu. Man tut sich nichts. Alle haben mit den Kindern gut zu tun. Der Waffenstillstand ist erst auf der Autobahn wieder aufgehoben. Links.

Oben. Das heißt fast. Eine Ringstraße um die Sehenswürdigkeit. Doch es geht nur eine Treppe hier hoch. Soll das Schiebemonster hier gelassen werden? Ich aste es eine Querweg hinauf. Oben. Die gleichen Bürger wie eben. Mit Kindern und Sonntagslächeln. Ich lächle zurück. Ein Vordrängeln und Abkürzen Spruch. Ich bin nicht Schlagfertig, wenn der andere harmlos und nett ist. Ich lächle dümmlich.

Die Kinder fordern gleich ihr Schnitzel ein. Ihr seid noch keine elf Kilometer gelaufen. Sie sind empört. Ich will auf die Sehenswürdigkeit. Mich mit einem Blick über die Rapsfelder belohnen. Ich habe schon beim Völkerschlachtdenkmal gekniffen. Ewige klaustrophobisch enge Wendelgänge durch gefühlte 30 Meter Beton. Wir sind umgekehrt. Mit weichen Knien. Die ich auf den Suff vom Vorabend geschoben habe.

Jetzt hier bin ich entschlossen. Schlange stehen. Familienkartenrabatt genießen. Außer mir sind jetzt alle schlecht gelaunt. Etwas was 20 Euro kostet rückt das Schnitzel in weite Ferne. Müssen wir jetzt da hoch? Latschen. Die Gattin täuscht nahende Ohnmacht vor. Dabei hat sie die Kartoffelchips im Wagen gelassen. Ein Leierkastenmann wiederholt immer die gleiche Lochkarte. Messer und Gabel auf einem Schild versprechen Labsal. Die Würste sind gerade alle. Es musste neue Kohle drauf. Die Stimmung verbessern wir aber nur durch Ausharren. Das heißt ich harre aus. Die anderen haben eine Bank für sich gefunden. Der Mann am Grill ist hier bestimmt schon seit 40 Jahren. Hat schon für die HO lustlos bedient. Devot aggressiv lustlos. Quasi unbeteiligt. Nicht am Ergebnis der Dienstleistung interessiert. So war das schon immer.

Und jetzt: die Zwickmühle des Ersten am Grill. Die erste Charge ist immer zu blass. Gebrühte Wurst zu blass. So, dass sich die Fettstückchen in der Wurst noch nicht ganz aufgelöst haben. Wenn ich so ein armes Schwein esse, dann sollte es auch respektvoll zubereitet sein. Doch ich möchte den Dicken nicht mit Extrawünschen herausfordern. Die haben es schon betont einfach gehalten. Hier an der „Grillbar“. Thüringer, blasse Wabbelbrötchen, Ketchup, Bautzner Senf. Keine Krakauer. Keine Optionen. Der Dicke mit der Grillschürze könnte auch Choleriker sein. Und ich bin heute zu schwach, um mit so etwas klar zu kommen. Ja, ich sehe wie viele Leute hier noch warten. Ja, a la Carte gibt unten im Restaurant. Ja, wäre schrecklich wenn da jeder kommen würde. Ich ziehe mit meinen fünf blassen Würsten von dannen. Im Gegensatz zu den anderen habe ich jetzt welche. Ich belohne mich mit Berliner Weiße Waldmeistergeschmack. Das Gruftiemädel an der Getränkebar ist eindeutig Selbstmord gefährdet. Trinkgeld bekommt man hier oben nie. Sie weiß nicht wo sie die 50 Cent hintun soll. Verzweifelt wirft sie sie einfach in das Fach mit den anderen 50igern. Sollen die doch damit fertig werden beim Kasse machen.

Ich wünsche mich zwanzig Jahre nach vorn. Ein freundlicher Android wirft das Geldstück in eine weiße Schale. Für Nutten. Lacht er. Und zwinkert mir mit einem seiner Kameraobjektive zu, die wie Augen aussehen.

Ich bin wieder draußen. Der Leierkastenmann hat eine weitere Lochkarte gefunden. Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Jede Spende geht in den Erhalt der Leier. Steht auf einem Schild. Bitte nicht spenden. Denke ich. Damit retten Sie die Welt. Wir haben uns jetzt im Kreis aufgestellt und tanzen einen Reigen. In einer Hand eine blasse Wurst. Die andere irgendwie erhoben. Manche heben jetzt ihre Köpfe. Jetzt haben andere die Leier auch bemerkt. Leben heißt ausblenden. Es sich im Tunnel bequem machen. Bis die Röhre so klein ist, dass man kein Licht mehr sieht. Bis das Licht ausgeht. Wer Glück hat, lebt bevor er stirbt.

Und sterben müssen wir jetzt. Eine Familie stellt sich ihrer Klaustrophobie gepaart mit Höhenangst. Kleine enge Stahlwendeltreppen die in die Höhe führen. Rücksichtslose, ängstliche Ausflügler, deren letzte Stunde genau so geschlagen hat, drängen nach oben. Drängen nach unten. Machen sie Platz. Ich hab ein Kind auf dem Arm. Das Ding schwankt verdächtig. Seit 130 Jahren auf diesem Berg. Aber heute muss es zusammenbrechen. Irgendwann hat ein jegliches Großes mal sein Ende. Nur das tausendjährige Reich währt ewig. Egal. Wenigstens noch die Aussicht genießen. Die ersten beiden Wendel sind geschafft. Vier große Balkone in alle Himmelsrichtungen. Nur einer wirklich in die Weite. Die ist aber wirklich weit. Hügel. Sanft und Grün. Raps. Die Luft riecht nach schwülem Frühling. Bei Gewitter nicht betreten, und Panikartig das Denkmal verlassen. Stand unten dran. Nein, es hat nicht gegrollt. Noch zwei Wendel weiter. Sieg über alle Phobie. Der nette Mann von vorhin ist auch da. Er drückt sich an der Innenwand entlang. Das ist hier nichts für mich. Sagt er weißnasig. Demonstrativ drängle ich mich an die Brüstung. Verlierer!

Regenwaldartig breitet sich das grün unterhalb aus. Wie grün das ist, bemerkt man immer nur Ende Mai. Wenn das ganze helle Grün von genügend Chlorophyll angereichert ist. Hat man es dann ein paar mal gesehen, ist auch das einfach Teil des Tunnels geworden. Man muss schon aus Indien oder Chile zurück kommen, um dieses Grün noch zu bemerken.
Gegenüber der Harz. Im Dunst der Brocken. Rechts, ein paar Ölraffinerien weiter Leipzig. Oder eine Ahnung davon. Im Rücken das Kyffhäuser Gebirge. Ewiges Land so weit das Auge reicht. Wie verabredet gleich hohe Gebirgszüge. Wie Tafelberge. Hier sollte meine Burg stehen. Das Fenster meines Arbeitszimmers wie das Cockpit eines Segelfliegers. Nur aus solidem Sandstein. Keine Luftlöcher. Keine Turbulenzen. Nur erhabenes Schauen.

Jetzt wieder abwärts. Menschen krallen sich am Geländer der Treppen fest. Ängstlich mit weichen Knien. Mit den gleichen Phobien kämpfend, an die ich mich kaum noch erinnern kann. Doch in Deutschland ist Rechtsverkehr. Da bestehe ich drauf. Wer sich weigert, wird mit rosa Gummistiefeln die Treppe abwärts gedrängt. Achtung! Ich habe hier ein Kind.

Ganz unten. Ein Biergarten. Wir sitzen. Eine böhmische Kapelle spielt Musik, die Inspirationsquelle von Karel Gotts Schlagern gewesen sein muss. So motiviert wie alles Dienstpersonal hier. Der Dicke am E-Piano singt vom Refrain immer nur das letzte Wort. Irgendeins, an das er sich dunkel erinnern kann. Ich muss an Knödel denken. Und tschechisches Gulasch. Die Kinder wollen Eisbecher. Ich nehme eine Berliner Weiße. Diesmal Himbeere. Herz, Schmerz und dies und das. Verschluckt der Dicke jetzt das Lied. So wenig Text. Und davon nur die Hälfte. Vierzig Jahre DDR haben jedes Kulturgut zu einem Hort der gebremsten Erwartungen werden lassen. Auch nach 25 Jahren noch ist trotzige Pflichtverweigerung die grundliegende Lebenshaltung. Alles wird gut mit Eierlikör.

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