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Auf den Spuren von Fantomas

Europa hat ja so sein Gutes. Fast kein Fleckchen Erde auf das nicht schon jemand seinen Fuß gesetzt hat. Das gibt einem auch ein gutes Gefühl. Sicherheit. Jedes Fleckchen ist in die Karte eingetragen. An den besonders Schönen hat sogar jemand eine Pommes Bude eröffnet. Wie in diesem Canyon in dem wir gestern waren. Der in diesen See führt. An den wir mal kurz baden fahren wollten. Mit unserem gelben Boot ein bisschen über den See schippern. Nach vier, als Abschluss meines Bürotages mit WLAN und ein paar Reparaturen. Das Boot abgelassen damit es in den Kofferraum passt. Schnell noch einen Zwanziger einstecken. Eine Flasche Wasser. Keine Kekse. Einfach mal schnell los. Nur einmal. Sonnenhüte. Jedes Kind denkt an seinen Bademantel. Eins packt sogar meine Badehose ein.

Die erste Kurve nach dem Campingplatz ist der See noch nicht, wie eigentlich erwartet. Auch nicht nach der zweiten. Warum dauert das schon wieder so lange? Fragt die Jüngste. Wir sind gleich da flötet die Mutter beruhigend. Ich höre Zweifel in ihrer Stimme. Wo ist der See eigentlich? Frage ich vorsichtig. Du hättest ja auch mal gucken können. Sagt sie. Jetzt sind es Zweifel und Schuld.

Im Navi sieht es ganz nah aus. Wir sind gleich da. Flöten wir im Duett. Ihr müsst rauszoomen. Dirigiert der Älteste. Ja, wenn man ganz Südfrankreich auf der Karte hat, sieht es ganz nah aus. Holländische Wohnmobile schleichen mit 30 Sachen vor uns her. Zu breit zum überholen. Überholen möchte man hier auch nicht. Das sind die Straßen auf denen sie früher die Fantomas Filme mit Luis Defunès gedreht haben. Bei denen einem schon beim Zuschauen schwindelig geworden ist. Nur das in den 60ern nicht annähernd so viel Verkehr war. Holländische Wohnmobile kommen jetzt auch noch entgegen. Dazwischen der komplette Harley Davidson Verein Vanne Eikel. Leichte Rülpser zeugen jetzt von nahender Übelkeit auf der Rückbank. Im Navi wackelt der See jetzt mal hoch mal runter. Dann verschwindet er wieder ganz aus dem Blickfeld. Eigentlich liegt er gleich hinter dem Hügel am Campingplatz vermute ich. Doch die Straße folgt den Mäandern des Flusses. Was den Badespaß ein wenig verschiebt. Um ca. eine Stunde mehr als erwartet.

Jetzt kommt Reue auf. Im Auto verschwendete Stunden teurer Freizeit. Aber guckt doch mal die herrliche Landschaft. Kommt es vom Beifahrersitz. Eher Richtung Rücksitz gerichtet. Ich darf nicht gucken. Links geht es 500 Meter Wand runter, rechts die Felswand mit Schleifspuren anderer Verkehrsteilnehmer die auch geguckt haben. Zum Glück ist das hier Europa. Unser sicheres Europa mit Leitmäuerchen und Reflektoren. Wäre das hier Indien, gäbe es keine Reflektoren. Und keine Leitmäuerchen. Und unsere Richtung müsste auf der hangabwärts gelegenen Seite fahren. Mit dem Blick ins Grauen. Auf ein paar ausgeblichene Busgerippe im Tal, die es nicht geschafft haben, weil sie einer Kuh ausweichen mussten. Und die Sitzbank müsste ich mir mit vier kleinen Indern teilen, die mir Betelnuss auf die Wanderstiefel spucken.

Aber so teile ich mir einen Familienvan mit drei minderjährigen Nölern und einer um Harmonie bemühten Gattin, die offensichtlich wirklich Spaß an der Landschaft hat. Plateauberge und tiefe Schluchten und steile Felsen, die aussehen wie die Nebelberge in China. Wäre ich nicht da, ich würde es nicht glauben. So schön ist es außerhalb des Harzes. Ortschaften, durch die man nur einspurig fahren kann. Mit beschaulichen Cafés direkt neben der Karawan Kolonne. Seit Stunden versucht mich die Polizei zu überholen. Die Touries versauen ihnen wieder mal den pünktlichen Feierabend.

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Fünfhundert Spitzkehren später zeigt das Navi die Endgerade an. Links im Canyon Tretboottrauben Besichtigungswilliger. Genau wie auf der Postkarte. Kommt es vom Rücksitz. Die Aussicht auf ein Ende vom Leid mobilisiert das Volk sofort. Doch die Freude währt nur kurz. Mit der nächsten Serpentine geht die Fahrt wieder weg vom ersehnten Ziel. Doch jetzt nur noch drei Kreisverkehr und eine Brücke führt uns an belebte Ufer. Die Kinder, blass um die Nase, stürzen sich in das türkisfarbene Wasser. Zwischen Menschen, die auf Campingstühlen die Füße kühlen. Der Vater befüllt das Schlauchboot mit Luft. Zwischen Badenden und Tretbooten stechen wir in See.

Dieses Gefühl von Freiheit. Mit der eigenen Jolle auf See. Auf den romantischen Canyon zu. Zwischen Tafelbergen und Schwarzkiefern. Steile Felsen, von denen sich junge Schweizer in Free Climbing Schuhen und Badehosen stürzen. Stunden auf einen freies Fleckchen zwischen den Tretbooten wartend. In den Tretbooten: Städter aller Herren Länder. Auf Kollisionskurs mit dem Schicksal.

In mir kommt da der Dünkel des auf dem Wasser geborenen zu Tage. Geboren bin ich natürlich wie meine ganze Generation in einem Kreissaal. Lustlos beaufsichtigt von einer verschnupften Hebamme ohne Ambitionen. Wusstest du übrigens, dass der Kreissaal so heißt, weil die Betten der Gebärenden einst kreisförmig um die Hebamme aufgebaut waren? Ich bin jedenfalls nicht auf einem Boot geboren. Das liegt vielleicht auch daran, dass am Fuße des Erzgebirges im März noch niemand segelt. Oder paddelt. Unsere Familie frönte beidem. Und natürlich Rudern. Wenns mal nicht so sportlich sein sollte. Kurzum. Städter auf Wassersportgeräten sind deshalb einfach erstmal gefährliche Idioten. Menschen auf Tretbooten sowieso. Und ja, es gibt auch von mir Videos auf Tretbooten. Ich werde die Echtheit leugnen.

Hier jedenfalls gibt es einen Haufen davon. Vergnügungssüchtige die die schönen Fleckchen dieser Erde respektlos mit Tretbooten entweihen. Sich weder an die Vorfahrtsregeln noch an Geschwindigkeitsbegrenzungen haltend. Die uns und unser Gummiboot von links belächeln, nicht erkennend, welcher Wassersportexperte hier seine Bahnen zieht.

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Meinen ersten Pelikan habe im Süden von Chile gesehen. In einer Gegend die noch so urwüchsig wirkt wie die Ränder der kanadischen Zivilisation. Lehmwege und barackenartige Häuser. Die Pelikane begleiten die rostigen, nach großen Löchern im Dieseltank riechenden Schiffe, die die kleinen Häfen entlang der Küste anfahren. Die Pelikane schweben anmutig dicht über dem Wasser. Immer wieder leicht mit den Flügeln schlagend. Der untere Teil des Schnabels taucht immer wieder mal ins Wasser und sammelt Fische in dem dafür vorgesehenen Sack. Stolz und ganz Teil der ihn umgebenden Landschaft. Im Norden des Landes habe ich dann wieder Pelikane gesehen. Fette Pelikane die nur noch aufflattern, um den Knüppeln der Fischer auszuweichen, denen sie die Fische von den Booten klauen. In Banden auftretend, schmutzig und ohne Würde. So ein bisschen wie wir, wenn die Naturattraktionen nur ein paar Serpentinen entfernt liegen. Wenn wir eine kleine Übelkeit weiter mit Kofferradios domestizierte Landschaften betreten.

Weit mäandert der See immer schmaler werdend in den Canyon. Oben sieht man die Straße voller Ameisenautos am Felsen kleben. Ein Wasserfall kommt aus dem Felsen, fließt über Felsen und klatscht dann in den Fluss. Menschen mit dicken Schwimmwesten und geborgten Plastikkajaks kentern und klettern mühsam zurück in ihr Boot. Immer ruhiger wird es je weiter mal paddelt. Tretboot fahren macht müde und nicht alle schaffen es bis hier hinter. Hatten die ersten Menschen die diese Schluchten betraten einen Sinn für diese Schönheit? Was denkt man, wen man nicht denkt: oh, das sieht ja aus wie der Grand Canyon? Schau mal Schatz, dieser Felsen, wie die Nebelberge in China. Stimmt mein Lieber, mit dem Wasserfall, wie in Avatar. Die Selfiestange dient als Mast. Grinsende Gesichter verdecken die Trophäe. Wir hatten leider keine Kamera dabei. Wir waren gar nicht da.

Straffer Abendwind bläst jetzt durch den Canyon. Wer sich weit vor wagt, muss auch weit zurück wenn er muss. Die Jüngste kräht jetzt nach Keksen. Bis wir anlanden, hat auch die letzte Pommesbude zu. Hunderte lebloser Tretboote liegen aufgereiht am stillen See. Der Kühlschrank im Zelt wartet mit Krustentieren und Merguez.

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