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Camping Indigo – 4 * Entbehrung

In den Urlaub fahre ich, weil ich ein paar Tage im Jahr ein wenig ursprünglicher leben möchte als ich es sonst tue. Drum hat unser Haushalt auch drei Zelte. Ein großes für fünf Leute und zwei mit jeweils drei Schlafplätzen. Was ich am Camping schätze ist ganz nah an der Erde zu schlafen. Nicht viel zu brauchen. Einfach schnell das Iglu aufbauen. Die Isomatte reinwerfen. Den Schlafsack drauf und fertig. Die Wanderschuhe an und los, fremde neue Gegend erkunden. Den ganzen Tag unterwegs sein. Abends nach einem Blech-Becher Rotwein müde in den Schlafsack kriechen und morgens von Sonne und Vögeln geweckt werden. Wenn ich mich recht erinnere war das noch nie so. Weil ich ein Snob bin und ein Spießer. Einer der seinen ganzen Komfort dabei haben muss. Drum hat unser Auto auch eine 230 Liter Dachbox. Und unsere kleinen Zelte haben wir höchstens noch, um bei Freunden im Garten zu schlafen. Wo es drin die Küche gibt. Und das Klo.

Wir haben dann etwas entdeckt, was Menschen wie uns ein Stück entgegen kommt. Camping Indigo. Eine französische Bio-Camping Kette mit hohen Standards an Mülltrennung, Abwasser, Stromverbrauch und eben eine Camping Form von Luxus. Etwas, was der Natur einen noch natürlicheren Touch gibt. Natur Bio. Natur 4 Sterne. Natur fürs grüne Gewissen. Ganz unbedarft betrachtet ist es ein Campingplatz. Es gibt Zeltplätze, Stehplätze für Wohnmobile, feste Zelte so wie wir einen haben, und kleine Bungalows die machen, dass es hier so aussieht wie in der kleinen Wochenendsiedlung, in der ich den Großteil meiner Kindheit verbracht habe. Und auch so riecht. Man kann sich Kabeltrommeln mieten, Kühlschränke die einen mit Golfcaddys vor das Zelt gefahren werden. Propangasgrills und Sitzgarnituren. Es gibt Kinderprogramm, Kulturangebote und Zirkus.

Als wir noch jünger waren, haben wir unsere Ferien auf Fehmarn verbracht. Besonders, als wir noch gar keine Kinder hatten. Da haben wir einfach in den Dünen geschlafen. Auf eine Rettungsfolie. Sogar ein leichtes Nieseln konnte uns nicht schrecken. Heute haben wir zwei riesige Ikea Kisten mit Haushaltsgegenständen dabei. Drei Sorten Müsli im Glas. Einen Muscheltopf. Die Espresso Maschine. Alles über das Allgäu, die Schweiz und durch Italien über Serpentinen auf einen Zeltplatz in einer Schlucht mit gletscherblauem kalten Fluss gekarrt.

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Unser feststehendes Zelt hat eine Holzplattform. Ausniveliert. Genug um gerade zu schlafen. Das es am Feintuning mangelt sieht man an der Pfütze Olivenöl die in eine Ecke der Pfanne läuft. Quasi wie zu Hause. Nur ohne Stellrädchen am Herd.
Statt Isomatte auf der Erde haben ich jetzt ein 1,40 breites Bett, dass ich mir mit meiner Frau teilen darf. Zuhause haben wir jeder so eine Matratze. Aber wir haben uns ja für Luxus Askese entscheiden. Das Zeltbett ist dafür so hoch, wie ein normales Bett, so dass ich drohe hinaus zu fallen. Alles Dinge wofür so ein Urlaub gut ist. Sich durch Stresssituationen näher zu kommen. Sich selbst, und der ganzen Familie. Ein Incentive. Selbsterfahrung. Durch eigenes Geschirr abgepuffert.
Es scheint egal, was man zu zahlen bereit ist. Glück muss man haben. Glück muss man sich machen können. Glück ist eine Frage der Perspektive. Wenn alle Optionen ausgeschöpft sind kann man sich hingeben. Bis dahin versucht man im Außen zu ändern, was nicht passt.

Ich gebe mich hin. Diese 100 Quadratmeter Land inklusive Zelt sind für 10 Tage meine Welt. Die Abendsonne scheint auf schroffe Gipfel. Die Motorradfahrer werden weniger und den Fluss hört man jetzt bis hier hoch aufs Plateau. Ein bisschen Frieden.
Der Luxus-Camper erwacht am Morgen nicht durch Vogelgezwitscher oder die Sonne. Der Luxus-Camper pult sich die Oropax aus den Ohren und liegt in völligem Dunkel. Vollständig schwarz abgehängte Schlafkabinen bescheren ihm einen langen Schlaf. Das Volk wird mit Geld ausgestattet, die bestellten Croissants und Baguettes zu holen. Was sollen wir sagen. Fragen sie. Sagt einfach euren Namen. Glücklich kommen sie mit riesigen Brotstangen und Wechselgeld zurück. Fünf türkise Stühle stehen um einen fragilen Tisch. Der Hausherr versucht die Beine dem unebenen Boden anzupassen. Der Ingenieur ist zufrieden. Alles steht gerade. Anmutig schlittern die Teller über die glatte Plastikoberfläche. Perfekt für Trinkspiele. Alles an seinem Platz. Als das erste Kind nach dem Brot greift, rutschen die Beine in ihre Teleskop-Rohre. Der Frühstücksbrei liegt in der Kiefernrinde. Ich war’s nicht ruft jeder. Die vier Sterne vom Camping Indigo werden erneut lautstark angezweifelt. Alle sind sich einig, dass das hier ein Scheißtisch ist. Mit Scheißstühlen. Und Scheißmessern. Die aufgeweichten Croissants werden über dem Grill getrocknet. Ein Scheißgrill übrigens, bei dem das Fett der Merguez-Würstchen immer ins Feuer tropft. Die Gattin macht jetzt wieder auf 5 Sterne Gast und ordert einen neuen Tisch und auch gleich einen neuen Grill.

Zwei Jahre zuvor waren wir auch an so einem französischen Fluss. Ein friedlich dampfendes Atomkraftwerk in Mitten ausgedehnter Gemüsegärten. Dann ein Gebirgsmassiv. Dann das Naturschutzgebiet. Ein wilder Fluss der sich Kilometer weit durch den Fels mäandert. Unten auf dem Campingplatz auf locker 28 Grad aufgeheizt. In kleinen Bassins aus Steinen liegen ein paar von den Harten. Die anderen Camper. Naturversessene wie wir, liegen am Pool. Ölsardine an Ölsardine. Großes Gejohle aus dem Kinderbereich. Daneben die Straße. Den Franzosen scheint das ein sicheres Gefühl zu geben. Dieses Jahr führt die Straße direkt durch den Platz.

Es regnet im Paradies. Aufgeregte Kunden schicken SMS, um nach ihren Facebook Kampagnen zu fragen. Ich bin im Urlaub. Das nützt aber an meiner Stelle nichts. Das heißt nur, dass ich eine Beratung per SMS aus einem Mittelgebirgscanyon absolviere. Wir haben die Veranda belebt. Von hier aus hat man einen besseren Blick ins Tal und über die Hügel. Nachdem der Campingtisch als potenzielle Gefahr für unsere Nahrung und als unsicher eingestuft wurde, sitzen wir jetzt auf den Bohlen. Im Schneidersitz um das Essen. Das fühlt sich an wie in Thailand. Die Kinder lieben es. Es fördert die Achtsamkeit und es gibt wesentlich weniger Kabapfützen.
Hier ist es dann selbstgewählte Entbehrung. Die vier Sterne täuschen da nicht drüber hinweg. Und irgendwie macht das glücklich. Und verwegen.

Jetzt tröpfelt es auf die Leinewand und die Veranda ist nass. Plötzlich haben alle dicke Pullover an, und man fühlt sich betrogen. Im Sommerurlaub muss es Sonne sein. Sonne satt. Hitze. Bisher hatten wir das. Nun ist es vorbei. Das Ende der Welt. Es ist eingetreten. Der Urlaubspessimist beäugt schon Nächte unter zwanzig Grad an den man sich nicht verschwitzt aus einem Laken schälen muss misstrauisch. Alles was noch drunter geht ist ein Fall für die Reiserücktrittsversicherung. Da nützt auch kein Scheinoptimismus. Das erinnert noch zu sehr an die Jahre auf Fehmarn, als man nicht mehr als Abenteurer, sondern als mittellose Kleinfamilie günstig ein paar Tage ausspannen wollte. Bei 16 Grad. Mittags. In dicke Fließjacken gewickelt. Dem Leben mit Jägermeister etwas Wärme abtrotzen. Wenn das drei Stunden von zuhause weg ist, kann man an Tag drei noch immer als Sieger vom Platz gehen. Geringe Anreisezeit, geringe Standkosten. Da erträgt man das mangelnde Entgegenkommen der Lokalität noch aufrecht. Bei der hiesigen Investition und 2 Tagen Anreise muss Sommer. Drum kommt die Sonne jetzt auch wieder raus. Gerade rechtzeitig um ein paar Muscheln im mitgebrachten Muscheltopf zu garen.

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