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Das Ding aus dem All

Machen wir uns nichts vor. Elternabende sind Veranstaltungen, die möchte man sich sparen. Da sitzen wirklich 100% Menschen da, die wären jetzt gern woanders. Bis auf die 1-2 wirklich jungen Lehrerinnen in denen der Eifer stärker ist als die nahende Dunkelheit des Oktobers. Ich bin auch da. Weil wir zwei Kinder in der Schule haben zum Glück mit meiner Frau. Da kann man wenigstens immer mal tuscheln, während in der Aula Heldentaten des letzten Jahres, und bevorstehende Heldentaten des angebrochenen Schuljahres auf bunten Zetteln an Pinboards geheftet werden. Wenn man schon mal in der Schule ist, kann man sich auch so benehmen. Hier zischt auch keiner, oder wirft mit dem Schlüsselbund.

Nach diesem erfrischenden Resumé, es hat tatsächlich nur die veranschlagte Stunde gedauert, kommt der Teil bei dem sich die Eltern mit den Klassenlehrern in die Klassen verteilen. Unter dem grellen Licht der Neonröhren unter dem sonst mein Großer sitzt, sitze jetzt ich. Mit elf weitern anonymen Alkoholikern im Kreis. Ich heiße Daniel und ich bin Alkoholiker. Hallo Daniel! Rufen die Elf. Jeder ist mal dran, und berichtet was er glaubt, was sein Kind in der Schule so treibt. Und ob es ihm gefällt. Alle haben das Gefühl dem Kinde gefällt es großartig in der Schule. Ich bin mir da nicht immer so sicher. Dass das Kind gut lernt, steht außer Frage, aber wie großartig sieht das nicht aus, wenn er morgens seinen Ranzen in meinen Kofferraum wirft.

Die Großen waren beide in einem stadtnahen Kindergarten, mit pädagogischer Attitüde. Dort gab jährlich einen Tag der offenen Tür mit Grillen am Sandkasten. Ich habe mich immer freiwillig gemeldet. Der andere Job war Ketchup von Tellern wischen oder Kuchen backen. Das Getränke Highlight war Bionade. Der soziale Gau. Da kommen ganze Familien zusammen, und auf der Karte steht nur Bionade. Doch irgendwie bestand die Kindergartenleitung darauf. Es sei ja ein Tag für die Kinder, und da sollten keine alkoholischen Getränke ausgeschenkt werden. Am Ende hätte noch jemand Spaß.

Schade um so einen lauen Samstag Nachmittag im September. Das Fazit war, dass nach der Bratwurst, wenn der Rauch so leicht durch alle Räume zog, die meisten verschwanden. Rasenmähen. Noch einen Gartentür reparieren. So was. Aber es waren die von der Bionade ausgetrockneten Kehlen die den Rasen mähen wollten. Nach der zweiten merkt das System nämlich, dass da nichts drin war. Trotz Wurst und Rauch kein Rausch. Dabei hätte man die ganzen kleinen Tische zu einer langen Tafel zusammenstellen können. Die Kindergärtnerinnen, die Mütter die Väter, alle zusammen. Alle durcheinander. Kreischende Kinder im Pulk, die sowieso nie gehen wollen.
Wenn die Sonne untergeht, kommt der Schnaps raus. Doch so hörte man Punkt 18:00 Uhr beim Stühle hochstellen, wie jemand nach zwei gestürzten Bier doch nochmal den Rasenmäher angeschmissen hat. Um dem Tag noch ein bisschen Sin zu verleihen. Kulturverhinderung. So wären wir aus den Höhlen nie rausgekommen.

Auch hier im Kreis keine Getränke. Zum Glück riecht es auch nicht nach Wurst. Auf dem Fußboden im Kreis liegen kleine Karten auf denen Dinge stehen die die Klasse braucht. Bastelmaterial. Nützliche Dinge. Aufgaben für die Eltern. Gardinen waschen. Der Fuß neben mir zieht verstohlen die Karte mit den Büroklammern zu sich heran. Ich hatte auch schon damit geliebäugelt. Kann man am besten einfach übers Büromaterial der Firma laufen lassen. Und ich bin auch ein bisschen empört, dass der so billig davon gekommen ist. Ich handle den Gitarrenständer für mich aus. Bestelle gleich mit dem Handy bei Amazon. Warte auf den kurzen Glücksmoment des Gebenden. Leider fehlt es an Selbstlosigkeit für den Kick.

Tage später war DHL da. Eine kleine Kiste steht in meiner Küche, und möchte in die Schule gebracht werden. Nimmst du die bitte mit in die Schule? Wird der Große beauftragt. Am nächsten Tag steht das Ding immer noch in der Küche. Er hätte die Hände vollgehabt. Das klingt so rausgemogelt. So gequält.
Ist ein Gitarrenständer. Für deine Klasse.
Findet er nicht geil. Wir erklären, dass die Klasse das braucht, die Lehrerin sich das gewünscht hat, damit die Gitarren nicht immer umfallen. Nicht an der Wand schaben. Laute plausible Gründe. Das Kind bockt. Die Scheißkiste ist der Feind. Wir haben einen Alien im Haus, der in die Schule gebracht werden möchte. Nichts Besonderes will man meinen. Ist doch cool. Ein Geschenk für die Schule. Was Bestelltes. Kein Almosen. Wir laden auch nicht unseren Müll ab. Das Kind will nicht. Bringt ihr das Ding doch hoch.

Natürlich kann ich das Ding hochbringen. Denke ich. Doch dann hat das Kind nicht gemacht. Dann ist der Tunnel nicht verlassen worden. Die unsichtbare Membrane nicht zerrissen. Die AHA Erkenntnis, das es sich bei dem Ding aus dem All nur um eine kleine Schachtel handelt, die man einfach jemandem der sie bestellt hat auf den Schreibtisch stellen kann nicht erlebt. Das Rätsel nicht gelöst. Der Schatz nicht gehoben. Das Mysterium bleibt erhalten und schwebt im Raum.
Immerhin landet das gehasste Objekt diesmal im Auto. Vor der Schule drücke ich es dem Kind in die Hand. Doch was ist das? Das Kind hat plötzlich keine Hände mehr. Dort wo eben noch welche waren jetzt nur leere Raum. Die Schachtel fällt zu Boden. Grüner Schleim kriecht auf meinen Sohn zu und versucht ihn zu verschlingen. Er tritt gegen den Karton. Niemals wird dieses unschuldige Ding eine Kindergitarre in sich aufnehmen. In einem epischen Kampf wird der junge Ritter es unter den Reifen des Schulbusses kicken. Niemals, niemals wirst du über diese Schwelle treten, zischt er mit blutunterlaufenen Augen.
Die jüngere Schwester schnappt sich das Ding. Komm ich trags hoch. Sagt sie. Und verschwindet durch die Tür. Ok. Der Große hastet hinterher. Ist ja sein Gitarrenständer. Für seine Klasse. Alles muss seine Ordnung haben.

Ich brauch ein paar Minuten, bis ich den Schlüssel rumdrehe. Die Schule steht noch. Kein kreischen, weder von Kindern, noch von Lehrpersonal das in ein Paralleluniversum entführt wird. Beruhigt fahre ich in den Oktobernebel davon.

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