Geschätzte Lesezeit: 4 min, 21 sek
3blog1

Der Balken im eigenen Auge

In solchen Gegenden wie hier, gleich um die Ecke, hat das mit Europa angefangen. In Höhlen, die man von der Camping Veranda aus sehen kann, haben sie die ersten Knochen des Neumenschen gefunden.
Die Kinder haben Kopfhörer auf. Für sie ist mein Deuten auf Höhlen und Felsen nur Gefuchtel und Wortfragmente die in ihre Hörspiele dringen. Häh? Fragen sie gestört, nur mühsam Interesse heuchelnd. Wäre doch cool mal in solchen Höhlen zu übernachten. Wiederhole ich. Hmjo. Die Kopfhörer werden wieder zu recht gerückt. Ende der Durchsage.

3blog3

Der Fels ist verwittert und die Vegetation krüppelig. Bis auf die Geröllhalten die damals wesentlich weniger verwittert aussahen, muss sich den Frühmenschen vor 300000 Jahren ein ähnliches Bild geboten haben. Eine angenehme Gegend wenn man nicht viel hat. Wasser, Beeren, Höhlen, nicht zu heiß und nicht zu kalt. Keine Motorräder die die Serpentinen-Strecken als Wochenendausflugsziel nutzen. Kein Markt im Tal mit sonnenreifen Schrumpeltomaten. Dafür immer mal ungestraft ein Tier die Schlucht runterschubsen. Wenn es dann über dem Feuer hängt oder auf heißen Steinen brät riecht es in der Höhle wie jetzt auf dem Campingplatz. Merguez und Knoblauch. Geröstetes Baguette. Damals noch ohne Baguette.

Die alten Bergdörfer hier haben winzige Fenster. Um das Wetter draußen zu halten. Die Sonne, die Hitze, das Licht. Wer Licht will geht raus und sitzt vor dem Haus auf der Treppe. Dort wo der Knoblauch hängt. Vor jeder Tür. Was außer Vampire hält Knoblauch eigentlich ab? Die Menschen die vor den Häusern sitzen sehen interessant aus. Wie Menschen die man kennen möchte. Sicher Künstler die hier malen oder schreiben oder töpfern. Sicher nicht solche Touristen wie ich. Die halb neugierig, halb verschämt die Gegend erkunden. Die aufregenden Dinge erleben immer nur die anderen, denke ich. Mein Leben ist eine Asphaltstraße. Die anderen treten Pfade. Egal was ich tue. In fünf Sterne Hotels bin ich auch nur der Gast in einer anderen Welt. Und auf dem Mittelgebirgscampingplatz. Zwischen all den Raftern die ihr Leben im kalten Wasser des Canyons wagen. Oder Fehmarn. Verdammt. Ich unter Surfern ohne je auf einem Brett gestanden zu haben. Als Tourist ist man nicht nur Besucher der Gegend. Man ist auch Besucher im Leben der anderen Leute. Im Hobby der anderen Leute. Im Leben der Leute das sie führen, wenn sie nicht die Leute sind, die sie eigentlich sind.

3blog2

Eine Weile habe ich den Blog einer schwäbischen Familie abonniert, die ins Ausland gegangen sind. Vermutlich taten sie dies, um der deutschen Schulpflicht zu fliehen und die eigenen Kinder zu Hause unterrichten zu können. Zu Hause in Costa Rica. Homeschooling. Sie ist Lehrerin und er spricht das Tiäitsch als hätte er eine heiße Pflaume im Mund. Besonders lustig ist das, weil er ständig healthy sagt. Quasi jedes zweite Wort. Diese Familie fällt mir ein, wenn wir hier so den ganzen Tag auf der Veranda unseres Riesenzeltes sitzen. Was braucht man, wenn die Temperatur immer über 24 Grad liegt und es WLAN gibt? Das Leben mit Beschäftigung und Zeug füllen muss nur der, der Ablenkung vom selbst geschaffenen Hamsterrad sucht. Wenn man sich für Einfachheit entscheidet, ist es einfach. Doch wenn man oben mit dabei sein will, vergleicht man sich mit den PS der BMWs der Nachbarn. Wenn man mal wieder Einfachheit durchs Dorf treibt, dann ist es ein Rohkostblog und die Erlöse von ein paar Werbebannern, mit denen man sich vergleicht. Zwischen dem Aufbau einer Online-Plattform mit mehreren Hunderttausend Teilnehmern und Back to the Roots mit Internetanschluss schwingt das Pendel. Tick tack tick tack. Und dazwischen findet das Leben statt so wie es ist.

Der Typ in dem Bergdorf mit dem verwaschenen Ramones T-Shirt nickt uns grinsend zu. Mir, dem Typen mit dem Bart und dem Strohhut. Mit dem quietschenden Balg auf dem Rücken, die Galopp Galopp ruft und dem Vater die Fersen in den Hintern rammt. Mit zwei großen Kindern und ihrer Mutter mit Sonnenhüten und Kopfhörern. Fernab adretter Wanderfunktionskleidung. Cool. Denkt er. Der Typ hat Familie. Drei Kinder. Eine lächelnde Frau. Ich sitz hier in meinem Bergdorf. Mit Manuel. Mit dem ich unterwegs bei seit ich vierzehn bin. Immer die gleichen Geschichten. Der Typ hier, der hat bestimmt ein aufregendes Leben. Auf alle Fälle jede Menge Spaß. Das Brett, das haben wir vor allem vorm eigenen Kopf. Wenn wir uns die anderen anschauen, ist da kein Brett zu sehen. Nur Möglichkeiten.

Das mittlere Kind hat seinen Markt auf der Veranda aufgebaut. Kunstsachen die stundenlang in Ruhe und mit Kopfhörern angefertigt werden, um sie der Familie zu verkaufen. Ich habe einen Fluss auf rosa Papier erworben. Der Fluss besteht aus Glitzersteinen. Ich habe einen Euro dafür bezahlt. Irgendwann wird das Alles mal was wert sein, und ich werde einen fetten Schnitt machen. Was mir als Vater der Künstlerin aber nichts nützt, weil ich es wegen des ideellen Wertes nicht verkaufen kann.

Stundenlang kann sie so da sitzen. Völlig in das vertieft was sie tut. Ohne daran zu zweifeln. Schon morgens um fünf sitzt sie so da. Aufstehen. Kopfhörer auf. Schreibtisch freigewischt. Alles was nicht angebunden ist liegt am Fußboden. Eigene Bilder an der Wand. Volles Selbstbewusstsein für den Wert des Geschaffenen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Hat sich selbst Ausprobiererin klassifiziert. Schreckt nicht vor Narben zurück. Man möchte ein Glashaus darum bauen, um diese Vitalität zu schützen. Aber die Dampframme wird von Innen kommen. Schutz ist nicht gewünscht. Nur ein Pflaster wäre schön, wenn mal wieder was blutet.

Anthropologen sind Wissenschaftler. Sie müssen hinter allem eine Bedeutung sehen. Ein auf die Wand gemaltes Tier wird als Vision der Jagd gesehen. Das Tier rituell vorher erspeert, um die Jagd vorweg zu nehmen. Um das Tier im Geist schon zu töten. Allem muss die Effizienz der Postmoderne eingehaucht werden. Überinterpretation. Wir wollen uns in allem sehen. Sinn in unserem Ringen und Gezappel sehen, in dem wir das Bild das wir von uns haben, allem Anderen überstülpen. Dabei haben die Jungs und Mädels einfach roten Ton genommen und Tiere an die Wände gemalt. Als Tapete. Ein van Gogh ist kein Ritualgegenstand. Die Küchentapete nimmt nicht das Töten von Blumen vorweg. Die meisten Dinge sind was sie sind.

Dir gefällt was du hier liest? Cool! Deinen Freunden sicher auch.
Sharing is caring. Kommentare willkommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *