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Der enge Einweckgummi der Komfortzone

Meine Frau war gestern im Improvisationstheater, und hat darüber geweint, dass von 130 erwachsenen Menschen niemand spontan in der Lage war, nach Aufforderung seinen Vornamen in Richtung Bühne zu rufen.
Wir haben in unseren Leben so sehr die reine Konsumenten Position bezogen, dass echte Interaktion uns beschämt und erschreckt. Wir haben so lange konsumiert und alles vorgebacken bekommen, dass das ganze Leben wir Fernsehen geworden ist: anschalten, Programm abspulen, abschalten …

Wenn wir bemerken, dass wir in solch eingefahrene Gleise geraten sind, gibt es genügend Angebote, die uns anbieten, diese Gleise zu verlassen, das Leben auf das Unerwartete auszudehnen. Wunder, Überraschungen und Reichtum zu erleben. Und Unsicherheit.

Diese Angebote können sicher nichts versprechen, denn der der sie wahrnimmt, geht mit sich dorthin, und kann nur so weit gehen wie er gehen möchte, gehen kann.
So sieht man sich dann vielleicht in der Situation nach ein zwei Anläufen seinen Namen mutig ins Publikum zu rufen. Man lernt, die die gleich wissen wie sie heißen, und dies auch kundtun nicht mehr seltsam zu finden, sondern zu erkennen, das es das ist, was man sich selbst wünscht. Spontan, wild, leidenschaftlich, wach und frei zu sein.

Ist man einmal aufgerüttelt, bedarf es nicht viel wach zu bleiben, und doch ist es die größte Anstrengung die ein Mensch tun kann. Und die lohnenswerteste. Das Ringen mit dem eigenen kleinen Universum um Autonomie im Erleben, im Erschaffen der eigenen Wirklichkeit, im zurück erobern der ursprünglichen Weite.

In Zen Klöstern gibt es die Tradition, dass Adepten verschiedene Prüfungen bestehen müssen, um als Schüler aufgenommen zu werden. Eine davon ist, abgewiesen zu werden. Der Schüler macht sich auf, mit dem Entschluss ins Kloster einzutreten, und damit, so glaubt er, ist alles erledigt, ab jetzt meditieren, kehren, Tee kochen.
Doch der Mönch an der Pforte nimmt gern die mitgebrachte Spende, die Tür allerdings haut er wieder zu, mit dem Hinweis, dass gerade keine neuen Schüler aufgenommen werden.

Die Sachlage ist klar. Es werden gerade keinen neuen Schüler aufgenommen. Dann können wir auch wieder gehen. Oder schreien und gegen diese Tür treten, flehen, betteln und weinen. 
Ich bin für schreien und gegen diese Tür dreschen, doch wie lange habe ich die Kraft dafür? Wie lange halte ich das aus? Erschöpfung ist kein Zustand in dem man gute Entscheidungen trifft oder anderen und sich selbst von Nutzen ist.
Der Trick ist, sich lange genug vor dieser Tür aufzuhalten. Da und wach zu sein, wenn der Meister rausschaut. Immer und immer wieder zu verstehen zu geben, dass man jeden Spalt nutzen wird, um ins Innere des Klosters zu gelangen. Um dann eines Tages endlich Einlass gewährt zu bekommen. Um dann zu erkennen, dass es jetzt erst richtig los geht.

Die Komfortzone ist keine Weide, die man mit einem mutigen Sprung verlässt. Einmal seinen Namen mutig auf die Bühne geworfen ist morgen nur eine schöne Erinnerung. Ihre Grenze ist ein Gummiband, der wir Flexibilität und Ausdehnung abtrotzen können. Etwas, woran wir unsere Muskeln stärken, was wir spielerisch auf Spannung halten können.

Und beim gehen und üben erkennen wir vielleicht, dass was einst riesig am Horizont erschien, nur ein Scheinriese war, und für die geübten Muskeln und den erstarkten Willen nur ein kleiner Schritt.

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