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Ein Staat auf Rädern

Alles spricht für einen Privat Jet. Wenn da nicht die Flugangst wäre. Ich könnte mir natürlich einen Lufthansa Piloten anstellen. Die haben die geringste Absturzquote. Einen ohne Despressionen. Das wäre die beste Art in Deutschland besser vorwärts zu kommen als in Indien. Und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich fahre im Selbstversuch 1. Klasse. Im ICE. Der ICE war mal das Flaggschiff Deutschlands. 2. Klasse im ICE, das war schon fast wie fliegen. Vor 15 Jahren. Heute ist der ICE 2. Klasse zum Viehtransporter verkommen. Nicht immer. Aber meistens. Die 1. Klasse klingt natürlich nach einer super Alternative. Man kauft einfach ein Ticket zum Preis eines Mallorca Urlaubs für ein mal 400 Kilometer hin und zurück. Dafür lässt man sich in einen der bequemeren Ledersessel plumpsen. Loggt sich ein. Arbeitet weiter. Döst. Bekommt Kaffee gebracht. Und Schnittchen. Solange bei der Bahn alles klar geht. Also schönes Wetter. Keine Minusgrade. Kein Nieselregen. Kein Wind. Und keine Feiertage, versteht sich. Feiertage gehen gar nicht. Mit Feiertagen rechnet ja auch niemand. Ostern. Kommt immer wieder überraschend. Jedes Jahr. Wupps. Ostern. Zack.

Die erste Klasse. Voll. Wie ein Viehtransport. Hatten wir ja schon in der zweiten. Jetzt auch hier. Voll. Auf dem Ticker im Bahnhof. Zugang nur mit Reservierung. In mir macht sich eine gewisse Ungläubigkeit breit. Doch wirklich. Drinnen. Viehtransport.

Geil. Denke Ich. Steh ich erster Klasse im Gang. Erster Klasse stehen. Das hat man nicht alle Tage. Man steht hier viel komfortabler. Oder erster Klasse im Gang sitzen. Auf der Tasche. Mit dem Laptop auf dem Schoß. Im Schneidersitz. Das ist dann Indien zum Preis von Mallorca. Ein Schnäppchen. Und auch nicht so verdammt heiß.

Ich ergattere was. In einem quasi leeren Abteil. Ein fetter, selbstgefälliger Züricher Professor. Sportmediziner. Würde ich nicht so mit prahlen denke ich. Bei dem Ranzen. Und ein Typ der nicht schwimmen kann. Muss man auch nicht können im ICE. Noch nicht. Es sei denn es regnet. Aber dann werden wahrscheinlich Schwimmwesten ausgegeben.

Die beiden unterhalten sich also über Sport. Der Typ der nicht Schwimmen kann redet übers Schwimmen. Und der fette Sportmediziner redet übers Fahrrad fahren. Oder übers nicht Fahrrad fahren. Wegen seiner Arthrose. Friss die Hälfte und vegan. Würde ich gern sagen. Dann schau ich an mir runter. Ich warte noch halbes Jahr, bis meine Diät anschlägt, beschließe ich.

Eine Station weiter steigen die beiden aus. Ich bin allein in einem Riesenabteil in einem völlig überfüllten Zug an einem christlichen Feiertag. Jesus ist heute gekreuzigt worden. Ein bisschen dürfen wir also auch leiden. Die Bayern bei denen ich ein paar Jahre gelebt habe, haben sich zum Beispiel damit kasteit, dass sie Karfreitag nur Fisch gegessen haben. Statt Wurscht und Schnitzel.

Ich leide jetzt gerade unter der Vorstellung, dass jetzt ganz viele Leute in dieses große Leere Abteil kommen, und mich von Sitzplatz zu Sitzplatz schubsen. Bis nach dem Abpfiff dann doch noch einer mit der richtigen Nummer auftaucht, wenn ich mich gerade wieder in einem. Dem mittleren. Platz entspannt habe.

Ich entscheide mich also für Angriff. Ich verlasse das leere Abteil eines völlig überfüllten Zuges. Suche mir einen Platz der mir Sicherheit bietet. Im Großraumabteil. Die Comfort Abteilung. Hier bin ich richtig. Bahn Comfort ist für Geschäftsreisende. Erstens bin ich das. Zweitens ist Feiertag. Ich bin sicher.

Ich packe wieder aus. Laptop auf. Stöpsel rein. Gitarrenmusik.

Menschen drängen rein. Viele entscheiden sich heute für erste Klasse. Wegen des Comforts. Und weil man nicht reservieren braucht. Ich kann Ihnen nur noch Stehplätze anbieten. Schreit die Zugbegleiterin. Wow. Die kann ja den straffen Ton vom Nahverkehr. Und das zum Preis eines Mallorca Urlaubs. Ich bin ein bisschen überrascht.

Die Zugbegleiterin wohl auch. Es werden Bonbontütchen ausgegeben. Die Bahn fährt die alte Brot und Spiele Besänftigungsstrategie. Teile und herrsche und Brot und Spiele. Ein kleiner Staat auf Rädern.

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