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Excel für Förster

Eigentlich habe ich mich nie für Computer interessiert. Leute am Computer waren Nerds. Haben sich für Mathe interessiert. Meinen ersten DOS Kurs habe ich mit 12 gemacht. Das war ungefähr die Zeit in der der Kommodore rauskam. Im Westen. Im Osten waren die Rechner noch so groß wie Kinderzimmer. Wahrscheinlich mit Röhren.
Ich war damals von Computern so schnell abgetörnt wie von Skispringen oder Fußball. Man schaute auf einen blinkenden Cursor, gab Zahlen und Befehle ein, und bekam: Zahlen.

Wenn man sich damals schon für Science Fiction interessierte, dann entstand der Eindruck im Kopf, dass sich einem eine phantastische Welt eröffnete, wenn man mit diesen Dingern sprechen konnte. In Wahrheit sind diese Teile erst heute so weit, wie man sich das damals vorgestellt hat. Ich erinnere mich, wie ich mich an die Maschine meines ungarischen Freundes gesetzt habe, und ihm gesagt habe was ich will. Der hat dann natürlich nur so Sachen zurückgegeben wie: Error. Oder: Befehl nicht gefunden.
Das was man damals von diesen Dingern wollte war Excel.
Mehr kam dort erstmal nicht raus.

Excel ist auch das einzige wofür ein Förster ein Förster einen Rechner braucht. Wenn er ihn nicht direkt und Original verpackt auf der Boden des Forstamtes stellt, wo sie meist erst 10 Jahre später nagelneu, aber zu nichts mehr zu gebrauchen von Praktikanten wieder entdeckt werden. Der Excel Förster also, findet Excel dann schnell interessanter als seine Frau. Alles wird mit Excel gemacht. Der Grundriss der Wohnung angelegt, die Einkaufsliste geschrieben, Abrechnungen erstellt und Webseiten layoutet. Was der Förster an der Stelle wirklich bedauert, ist, dass Excel nicht auch noch E-Mails direkt verschickt. Nichts kann einen mehr freuen, als die gesamte Webseiten Planung eines Forstamtes per Excel zu bekommen, von der Mindmap, über die Gliederung bis zum Design. Es würde reichen, diese Tabelle einfach auf einen Server hochzuladen. Was die Leute nicht so gut fänden, wende ich ein, was der Förster nur widerstrebend schluckt.

Der Forststudent, dessen Grundfächer auch Betriebswirtschaft sind, wird also von den älteren Magieren in die Geheimnisse von Excel eingeführt. Männer mit Bärten, die sicher schon mit grüner Faserpelzjacke zur Welt gekommen sind, schwärmen mit glänzenden Augen und geistiger Erektion von den Möglichkeiten der Tabellenkalkulation.
Den aufsässigen Hippie Studenten, der Schlag, der nach der Exkursion lieber noch auf einen Joint im Wald bleibt, statt Bodenproben ins Labor zu tragen, ist das alles zu sehr Schublade. Hier muss Farbe ran. Und: es geht auch Farbe mit Excel. Der Teil, den der Bartförster wegen zu vielen Optionen lieber wegrationalisiert hätte.

Wir wagen dann, beschwingt durch Martini in der Mittagssonne, das Excel Referat auf die kreativen Möglichkeiten von Excel zu reduzieren. Das macht die Veranstaltung schön kurz, und ermöglicht dem EDV Veranstalter in der grünen Jacke, uns den Schein zu geben, in der Hoffnung, dass unsere Wege sich nie wieder kreuzen.

Die nächste Welle EDV Anfall hat dann gesessen. Cosmic Radio, unsere galaktische Aufklärungsendung im Provinzradio brauchte eine Webseite. Das Internet hatte ich damals schon für die Jagd nach Wichsvorlagen für mich entdeckt. Diese Webseiten waren schon damals die meistbesuchten, hatten das beste Design, intuitive Navigation und wussten am meisten über Mitgliederbereiche, Bildkomprimierung an der Grenze zwischen guter Qualität und schneller Ladbarkeit. Hier wurde schon von Affiliates und Cookie basierter Abrechnung gesprochen, 20 Jahre bevor jeder Coach an Lebenshilfe Büchern eines Kollegen ein paar Euro mitverdienen konnte. Sex machte die Evolution. Nicht Staubsauger. Nicht Excel.

Der 386er meiner Freundin brannte zur der Zeit, und ich brannte auch. HTML, Javascript, Bildbearbeitung. Mein Hirn schuf Code während ich schlief. Ich wachte auf und baute in Gedanken Webseiten. Alle Neuronen standen auf Lernen. Die Welle Internet, die alle erreichte, die dafür offen waren hatte mich erreicht. Die Welt stand auf einmal offen. Beruf finden war nicht mehr nötig. Auf einmal tat ich was Spaß machte.

Das Studium musste nur noch schnell zu Ende gebracht werden. Am Ausgang stand „Internetmarketing für die Forstwirtschaft“. Betriebliches Management wurde zum Online Magazin für Alternative Holzwerkstoffe. Ich hatte die Tür gefunden. In der letzten Kurve hatte Drogen-Daniel seine Überheblichkeit bestätigt: Ich mache sowieso was anderes wenn ich fertig bin.
Ich war der Nerd.

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