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matterhorn

Für den der kein Ziel hat, ist jeder Wind der Richtige

Eine ganze Zeit lang waren wir auf Feuerlauf. Feuerlauf ist ein Ritual, bei dem man mit nackten Füßen über glühende Kohlen geht. Manche tun dies entspannt, andere hektisch, aber die meisten kommen heile rüber. Die einen autschen, die anderen strahlen. Alle sind berührt. Jeder geht für sich und ein Anliegen. Paare gehen Hand in Hand. Wir sind für Kinder rübergegangen. Für Partnerschaft. Für Freundschaft. Für Geld bin ich noch nie rübergegangen. Trotz das es früher viel mehr Thema war. Irgendwie hatte ich zu der Zeit, als diese Feuerläufe bei uns angesagt waren, ein so angespanntes Verhältnis zu Geld, dass ich es nicht benennen konnte. Wie kraftvoll könnte es sein, sich einen satten fünfstelligen Kontoauszug vorzustellen, und dafür über die Kohlen zu gehen. Für Kohle über die Kohlen. Das hat was.

Sicher fand ich das damals aber noch viel spiritueller keine Kohle zu haben. Arm und was Besseres. Einfach die falschen Bücher gelesen.

Unser Freund, der die Feuerläufe angeleitet hat, sagte immer: für den, der kein Ziel hat, ist kein Wind der Richtige. Für mich, der eher der genieße das jetzt Philosophie anhing, war das eine Herausforderung. Das kollidiert mit meiner Fische Mentalität, die mit dem schwimmt, was kommt. Entscheidungen sich selbst treffen lässt. Erstmal schaut. Die Dinge sich entwickeln lässt. Einfach gerne faul ist. Auch geistig faul. Nicht zu Ende denkt. Nichts zu Ende bringt.

Mach dir doch einfach mal ein Bild von dem was du willst, hat mal jemand zu mir gesagt. Das ist Revolution. Das bedeutet, dass ich es in der Hand habe, wie die Dinge für mich ausgehen sollen. Dass das was ich haben will, für mich im Bereich des Möglichen liegt, weil ich es mir vorstellen kann. Ich bin damals als skeptischer Gläubiger über die Glut gegangen. Ich hatte nicht verstanden, dass das Bild die Vorwegnahme des Ereignisses ist. Und ich hier eine Bestellung aufgebe. Ich etwas bekräftige, was mir wichtig ist. Ich bringe dem Feuer ein Opfer. Mich. Meine Angst. Die Überwindung, das was da im Dunkel rotglühend vor mir liegt zu betreten. Möglichst vertrauensvoll betreten. Im Vertrauen, dass mein Anliegen gehört wird. Von mir und einem wohlwollenden Universum.

Das mit den Kindern und der guten Partnerschaft hat geklappt. Die Elemente für die ich damals noch keinen Plan hatte müssen jetzt als Hausaufgabe nachgeholt werden. Ich habe lange gebraucht zu verstehen, dass es gut ist, ein Bild vom eigenen Leben zu haben. Daß zum Beispiel der Wunsch nach materieller Sicherheit allein, ohne ein größeres Bild, in dem dieses Detail Bestandteil ist, immer noch zu Unklarheit und Verwirrung führt. Wenn der Rahmen fehlt, findet man sich so ganz schnell im Leben und im Plan eines anderen wieder.
Liebe zum Detail ist das was man an Apple Produkten so schätzt. Und die aufeinander abgestimmte Produktpalette. Und so ist das mit der Lebensplanung auch. Je klarer man das hat, umso weniger Überraschungen gibt es. Mein Ältester gibt Wünsche auch nur detailliert ab. Es kann nicht einfach nur ein Lichtschwert sein. Weil auch Lichtschwerter nicht gleich Lichtschwerter sind. Briefe die Eltern vollständig, und Weihnachten wird so wie du es dir vorgestellt hast.

Und auch wenn sich die wirkliche Power des Bildes vom eigenen Leben erst noch herausschält. Man das Gefühl für den Rahmen und das „Wie soll es denn sein?“ eher wie einen Michelangelo aus dem Fels klopft. Der erste Einstieg erfolgt über das Haben wollen. Etwas, das sich nicht vollständig fühlt muss dem Leben noch etwas hinzufügen. Der Glaube siegt, dass eine bestimmte Sache, zu Beispiel Geld, ein Auto, das nicht ständig in der Werkstatt steht, ein Haus mit ausreichend Platz für fünf Leute Frieden bringen. Geldrituale. Sixt Business Klasse zum Üben.
Stillleben – Visionboard mit Porsche.

Es hört nicht auf geil zu sein, der Schnellste auf der Autobahn zu sein. Zumindest nicht so schnell. Schneller als ein Audi auf der linken Spur ist jedoch die Frage: war’s das? Wie oft haben wir schon die neuste iPhone Version ausgepackt und nachdem man sich den Hologramm Hintergrund eingerichtet hat, und die 2-3 Apps im neuen Design gezogen sind, ist es ein Telefon. Es ist immer noch ein geiles Telefon. Aber geiler ist die Frage, in welchem Kontext du es gebrauchst. Lohnt sich das was du in deinem Leben siehst auf Instagram zu posten. Hast du so viele coole Dinge zu tun, dass du praktische GTD Apps für deine Listen installieren musst. Mit Erinnerungs- und Wiederholungsfunktion. Kannst du vor dem Einschlafen fünf Dinge benennen, für die du dankbar bist, damit du sie in deine Gratitude App eintragen kannst? Oder bist du froh, wenn endlich ein neues Angry Bird Update kommt, mit Kaugummivögeln. Damit du nicht immer die Homepage von Spiegel online aktualisieren musst, damit überhaupt was geht auf deinem geilen Smartphone. Und dann ist es irgendwann einfach das schöne Ding in deiner Tasche, mit dem man auch telefonieren kann. Gut, wenn man dann noch andere Lebensinhalte hat.

Und dann von den Dingen an die man einen Haken machen kann zum Sein. Wie soll es sein? Wer willst du sein? Liegt ein Smartphone auf dem Tisch? Wie soll es sich denn anfühlen? Und wenn dann die Sonne zum Fenster reinscheint, und die Kinder sich mal nicht anschreien. Dann entsteht ein Raum den man schon immer kennt. Wie eine Welt die schon immer da ist. In dem die Bilder ganz klar sind und die Geräusche real. Und der Geist denkt, es kann doch nicht so einfach sein. Doch du kannst den Staub durch Raum schweben sehen. Und du weißt wie dein Schreibtisch aussieht der dort steht. Und das Tal, auf das du aus dem Fenster siehst. Und das wie spielt noch gar keine Rolle. Und du weißt, dass es etwas gibt was da draußen auf dich wartet. Und du hast es immer gewusst. Und dann setzt du den ersten Schritt auf die glühenden Kohlen.

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9 Gedanken zu „Für den der kein Ziel hat, ist jeder Wind der Richtige“

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