Geschätzte Lesezeit: 3 min, 13 sek
eris

Liberté, Égalité, Fraternité. Vive la France.

Scheiße. Ich versuche jetzt schon seit drei Tagen an einem Text zu schreiben, der Krieg und Frieden heißt. Ich wollte die Ereignisse in Paris und was es bei mir macht reflektieren. Eigentlich wollte ich mich darin über zwei Dinge auslassen. Einmal über den Unfrieden unter den Menschen, die alle die Welle auf unterschiedliche Art nehmen. Und dann über den Unfrieden in meinem Leben. In mir. In meiner Familie. Und über die Halbwertszeit solcher Geschehnisse. Draußen und drinnen. Und warum fällt mir das so schwer, diesen Text zu schreiben? Da draußen sind doch ein Haufen schneller Antworten und Bewertungen zu finden. Andere können das doch auch. Vielleicht, weil es gar kein friedlicher Text würde.

Am Besten chronologisch. Die Erwachsenen sitzen bei uns am Freitag Abend alle am Küchentisch, damit das große Kind das Länderspiel Deutschland gegen Frankreich schauen kann. Das Internet bricht nämlich ständig ab. Drum kann er es nicht am Laptop schauen. Also sitzt der kleine Kerl alleine im großen Wohnzimmer vor der große Glotze. Bis er dann in der Küche steht, und sagt es hätte Explosionen gegeben. Im Stadion. Ich setze mich mit ihm vor die Röhre. Verstörte Moderatoren. Menschen laufen aufs Spielfeld. Niemand interessiert sich mehr für Fußball. Wir schalten aus. Niemand braucht das. Doch das Kind hat genug gesehen, was seine Fantasie beflügelt. Die Schwester wird ins Vertrauen gezogen. Nicht mit dem was echt ist, sondern schon dem was aus zweiter Hand kommt. Sie läuft heulend durchs Haus. Die Kinder wollen nicht in ihren Betten schlafen. Sie können aber nicht in unserem Betten schlafen, weil sie auch Besuch haben. Unser Bett ist groß. So groß ist es aber nicht. Oder ist es das Herz, das nicht groß genug ist?

Da draußen laufen Menschen in der Kälte rum. Fliehen mit ihren Kindern auf dem Arm. Viele Kinder sind alleine unterwegs. Bei uns brennt ein Kamin, und wir finden keinen Frieden, weil die Bettenfrage nicht geklärt ist. Es wird geschimpft, aufgestampft, mit Türen geknallt, rumgebrüllt. Am Ende schläft keiner alleine.

Teach your kids peace. Ist die Antwort die ich auf einem dieser schlauen Bildchen bei Facebook lese. Ich verstehe. Das hier muss der Anfang von allem sein. Das hier ist das was wir tun können.

Immer wieder zeigen sie mir den Kokon an Selbstbezogenheit. Immer wieder bekomme ich eine Chance es besser zu machen. Seit einer Woche schlafen jetzt alle zusammen. Es gibt ein neues Einschlafritual. Die Kids gehen gerne früher zu Bett. Es gibt weniger Geknatsche. Alle sitzen im Bett und singen Mantren vor dem Einschlafen. Mit drei Akkorden auf der Gitarre und viele zu vielen Rasseln. Ganesha Sharanam für den Spaß. Om trayambakam für die Welt. Der Frieden ist wieder hergestellt. Eine neue Ordnung ist gefunden. Hier.

Frankreich mag ich. Da bin ich die letzten Jahre jeden Sommer ein paar Wochen gewesen. Das sind unsere netten Nachbarn im Westen. Ein bisschen weniger Vorgartenpflege als in Deutschland. Ansonsten ganz ähnlich nur mit mehr Weißbrot. Wenn dort Leute bei einem Konzert mit Maschinenpistolen exekutiert werden, betrifft mich das sehr direkt. Das hätte dann fast die Göttinger Innenstadt gewesen sein können. Oder Berlin oder Köln oder Hamburg. Ich kann den Lebensstil nachempfinden, und wie es ist, in einer europäischen Stadt abends auszugehen. Ich kann mir nicht vorstellen, was die Menschen in Paris an diesem Abend durchgemacht haben. Und ich möchte es auch nicht. Und wenn ich ehrlich bin. Ich kann auch gar nichts fühlen. Es ist schrecklich und es ist nah. Das weiß ich. Es ist als hätte jemand ein graues Tuch über alles gelegt, auch wenn man keinen Fernseher anschaltet, und Spiegel online tunlichst meidet. Der Schlag hat gesessen.

Mark Zuckerberg bietet mit eine französische Fahne an. Die Fahne meiner Nachbarn. Als einfache Form der Anteilnahme. Statt Blumen. Religiöse Fundamentalisten sprengen sich in die Luft. Und die Ideologen spitzen ihre Zeigefinger. Es ist schlicht absurd. Wir wünschen uns Frieden. Wir wünschen uns ein Ende vom Terror. Doch wir haben nichts Besseres zu tun, als uns an der Symbolik unserer Anteilnahme zu stören. Ich bin das schlichte Gemüt, das den Nationalismus hinter der Fahne nicht erkennt. Ich bin das Schaf, das der Herde folgt. Mein Social Media Profilbild wird zum Symbol meiner Ignoranz dem Leid der Welt gegenüber.

Eine ehrliche und hilflose Geste wird Gegenstand neuer Ideologien. Wir gegen die anderen. Falsche und richtige Zeichen. Die Volksfront von Judäa gegen die judäische Volksfront. Wieder einmal.
Die Saat geht auf. Eris, die Göttin der Zwietracht hat gesiegt. Und wer weiß. Vielleicht wird ja mal eine Religion draus.

Liberté, Égalité, Fraternité. Vive la France.

Dir gefällt was du hier liest? Cool! Deinen Freunden sicher auch.
Sharing is caring. Kommentare willkommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *