Geschätzte Lesezeit: 4 min, 15 sek
6blog1

Memento mori

Wenn man in die heranrollenden Wellen taucht fühlt man den frischen Wind auf der Haut nicht mehr. Das Wasser ist fast wärmer als die Sonne gemischt mit diesem Wind. Ein Wind, der einen in der Sonne die Sonne vergessen lässt. Luft die einen die Sonne nicht satt werden lässt. So wie salzige Erdnüsse zum Bier. Auf das der Durst nicht enden möge. Aufsaugen was aufzusaugen geht, bevor es bald wieder in das herbstliche Deutschland geht. Mit seinem getrieben sein und seinem Eifer, der in den südlichen Ländern nur schwer nachzuvollziehen ist. Fast möchte man sich eine Welle eintätowieren. Memento mori. Lauf nicht den falschen Dingen hinterher. Folge der Freude. Erinnere dich. Lebe wild und verwegen, Arthur. Tu nicht so erwachsen.

Die Wellen sind so hoch, dass man vor sich nur Welle hat, wenn sie einen hochhebt. Das Blau des Himmels und das Blau des Wassers bilden kaum eine Kante. Nur das Glitzern der Sonne im Wasser. Gleißend. Blinzeln. Blau. Salz. Das Kreischen der Kinder die sich von den Wellen auf den Strand tragen lassen. Den ganzen Tag. Rein. Raus. Rein raus.

6blog2

Leben wie Boroughs in Tanger. Der Blick über die Dächer. Nachts, wenn es kühler wird. stehen die Menschen in ihren Küchen. Decken den Tisch auf Verandas und Balkonen. Irgendwo wird noch etwas abgeflext. Es riecht nach Gegrilltem, Knoblauch, Tabak und Kanalisation. Mopeds poltern ungebremst über die verschissenen Bürgersteige. Hupen.

Marseille ist die Stadt mit den zerbeultesten Autos. Soweit ich das beurteilen kann. Ich habe noch nicht alle Städte oder Gegenden dieser Welt gesehen. Aber hier gibt es kaum ein Auto dem nicht der Spiegel runterhängt oder verkrüppelt nach vorn gebogen ist, wie bei einer Ente nach Sturzflug. Die Stoßstangen werden wirklich als solche benutzt. Alle Ecken sind rund und zeigen nach Innen. Auch bei neuen Autos. Die Stadt in der ich mir nur ein Auto mit weit über 100.000 Kilometer auf dem Tacho kaufen würde.

6blog3

Bei unserem letzten Besuch sind wir mit dem Ford im Künstlerviertel stecken geblieben. Keine Hausecke, um die man nicht rangieren muss. Irgendwann hat man dann eine lange Schlange Peugeot 103 hinter sich. Das einzige Auto, das mit nur zwei mal Vor- und Zurücksetzten zwischen die Begrenzungspfosten passt. Es ist so, als ob die Stadt einen Vertrag mit dem Unternehmen hat.

Diesmal haben wir den Ford direkt in die Betreuung gegeben. Nachdem wir mit eingeklappten Spiegeln unser Quartier gefunden haben. Einfach mal halten und unseren opulenten Haushalt ausladen ist nicht. Vorbeifahren ist auch nicht. Wer vorbei fährt muss sich wieder ein paar Blocks durch Einbahnstraßen schlängeln. Wer Ausladen will stellt sich mit Warnblinklicht auf die Straße und wird ganz durchlässig für das Hupen der 5000 Autos die sich schlagartig hinter einem Türmen. Am Ende sind es doch nur die Schlafsäcke und das Gummiboot die im Auto bleiben. Drei Parkhäuser weiter bekommen wir die Kutsche unter, ohne die Dachbox abschrauben müssen. Zwischen Cargokisten aus Afrika. Voller Kunstgüter fraglicher Herkunft und Haschisch aus Nordafrika nehme ich an. Früher wurde Hanf hier offiziell nach Europa eingeführt. Als so wichtiges Handelsgut, dass sogar die einstige Prachtstraße danach benannt ist. La Canebière. Heute ist die Pracht der schrägen Verkehrspolitik zum Opfer gefallen. Dafür sehen die Straßenbahnen aus wie kleine Space-Shuttles. In der Innenstadt mit ihren geschwärzten Fassaden und Gassen ein schöner Kontrast.

90% der hiesigen Bevölkerung haben Migrationshintergrund. Front National bekommt hier seine Stimmen nicht. Während die Idioten zuhause zündeln, ist das hier das offene Tor zum Orient. Während sich käsige Briten noch abends um sieben mit Lichtschutzfaktor 50 eincremen sind viele der Einheimischen so schwarz, dass sie gar keine Sonnenmilch brauchen.

Ein bisschen ist es hier überall wie in Kreuzberg. Nur ohne die ganzen Therapeuten. Die Straßen sind voller Märkte. Es ist der Orient. Nur auf der anderen Seite vom Meer. Seltsame getrocknete Tiere hängen von der Decke von Läden die sich anfühlen wie der Zaubererbedarfsladen aus Harry Potter. Säcke mit kitschig bunten Gewürzen. Unzählige Sorten eingelegter Oliven zum kleinen Preis. Selbst die Kinder, die hier zwei ungeliebte Dinge gleichzeitig machen müssen: latschen und einkaufen, sind so gut unterhalten, dass sie nichts von beidem bemerken. Der Konflikt entsteht eher aus der Frage, Obst oder Fisch oder Kräuterhuhn oder doch gleich eins von diesen Kebab Angeboten.

Wir verzichten auf letzteres und entscheiden uns sonst für alles. Unsere Wohnung hat einen 6 Kochstellen Gasherd. Hier ist alles möglich.

6blog4

Wer sich unsere Straße von außen anschaut, findet es in Kreuzberg schöner. Sogar am Kotti. Die Patina der Häuser sieht so aus wie Karl-Marx-Stadt Ende der 80er. So als wäre hier mit Braunkohle geheizt worden. Oder als ob mehrere Großbrände hier durchgegangen sind. Das Treppenhaus ist dunkel und eng. Die Fließen klappern. Der AirBnb Vermieter hat überall Schilder mit Verhaltensregeln aufgehängt. Damit der Nachbar in Ruhe seine Doktorarbeit schreiben kann. Die Kids lieben Verbotsschilder. Sie benutzen sie als To Do Liste. Gleich erstmal krakelend auf die Dachterrasse rennen. Dann über die Mauer spucken. Landkinder, die immer ebenerdig gewohnt haben, und niemals Rücksicht nehmen mussten. Die Fließen die hier überall als Fußboden verlegt sind, laden so richtig zum patschen ein. Ich frage mich, ob wir dem Doktoranden ein kleines Hotelzimmerchen spendieren. Der stellt sich dann aber als recht entspannt dar. Doktoranden in Göttingen sehen anders aus. Die tragen Fahrradhelm und Jack Wolfskin Jacken.

Wenn man durch das Graue durch ist, entpuppt sich die Wohnung als charmanter Segen. Hoch, hell und großzügig. Alle Fenster gehen vom Fußboden bis zur Decke und sind zugleich Austritte auf rundumlaufende Balkone. Von dort aus hat man Überblick auf die Hinterhäuser, in dem kein Haus dem anderen gleicht. Selbst von Stockwerk zu Stockwerk verlieren die Häuser hier hinten ihren Baustil. Auf den Dächern gibt es wild gebaute Terrassen. Andere haben sich Glaspyramiden auf ihr Schlafzimmer gebaut, um Nachts den Sternen beim vorbeifliegen zuschauen zu können. Auf der hiesigen Dachterrasse stehen Kakteen und Bambus. Nachts um zwölf wird es fast ein bisschen kühl hier oben, wenn man bei einem Heineken den Flugzeugen zuschaut, wie sie langsam in die Stadt schweben.

Dir gefällt was du hier liest? Cool! Deinen Freunden sicher auch.
Sharing is caring. Kommentare willkommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *