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pizza

Ohne Bentley in Cannes

Good luck the house was there
Eigentlich hat es mich nicht nach Italien gezogen. Nie. Wir hatten Nachbarn, die sind da jedes Jahr hin. Früher mit dem Campinghänger, später in Pensionen. Immer in die gleiche Gegend. Italienisches Flair. Italienischer Charme.
Ich bin von Frankreich aus das erste Mal nach Italien gefahren. Die Franzosen sind ein wenig so wie die Deutschen. Alles ist ein wenig aufgeräumter als bei allen anderen. Sortierter. Wenn man dann von Frankreich aus nach Italien fährt, ist es schon ein leichter Schock. Die automatische Stimme an der Mautstation schnarrt. Die Tunnel haben keinen Transponder, der den Verkehrsfunk übersetzt. Kein Licht und weniger Reflektoren. Man sieht auf den ersten Blick, dass hier das Geld nicht dort ankommt wo es hin soll. Das ist also dieser Charme. Gerade so alles instand halten, dass es einem nicht über dem Kopf zusammen fällt. So machen das hier alle. So müssen sie es machen. So entsteht diese typische Charakteristik.

Diesmal sind wir von der Schweiz aus nach Italien gefahren. Das Herz weit offen nach einer Woche Wahrheit. Der Ford so voll, dass er sich fährt wie ein amerikanischer Straßenkreuzer. Freundlich nickt er um die Kurven. Wer sonst gern mit 230 unterwegs ist, braucht hier Nehmerqualitäten. Mit 130 ist man auf der italienischen Autobahn aber schon einer der schnellsten. Nur nicht so schnell.

Hier kassiert das Land schon seine ersten unerwarteten Sympathiepunkte. Für das ganze Jahr 2015 ist die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben. Sagt Google. Gerade aus traue ich mich dann doch auf 150. Der Dachkoffer pfeift.
Wir haben nachts nach ein paar Runden Tanz und ein paar Bieren noch ein kleines Chalet über AirBnB gebucht. Lauter Landhäuser im Provence Stil mit malerischen Eingängen, Holzläden und Farbe in verwittertem Rosaorange. Häuser in die man sich für ein Jahr zurückzieht, um an einer 8000 Seiten umfassenden Science Fiction Saga zu schreiben. Oder so ein Rosamunde Pilcher Ding. Auf einer rostigen Gartenbank sitzend. Den Blick über Weinberge und Täler. In der Ferne ein paar verfallene Burgen.
Es scheint jede Menge solcher Häuser in Italien zu geben. Je weiter von der Autobahn entfernt, umso niedriger wird der Übernachtungspreis. Nachts um zwei ist dann eins gebucht. Den Mittag darauf kommt die Bestätigung. Alles über das Handy gebucht. Inklusive hochgeladenem Personalausweis.

Wir sollen Georgio anrufen. Er wird uns das Haus zeigen. Hoffentlich spricht er besser englisch als die Textmails.
Eine Pizza in Milano. Das klingt romantisch. Das ist der Plan. Es ist dann ein anderes Örtchen. Mit einem kleinen Dorfplatz. Und einem Sonntag Abend Rave. Die Leute hier scheinen Techno zu mögen. Zumindest stört sich keiner daran.
Es gibt Pizza. Meine erste italienische. Teig wie dickes Toastbrot. Kein Oregano. Kein Basilikum. In Frankreich hieße das Croque Monsignieur. Hier ist es Pizza. Nicht das was ich von meiner Lieblingspizzeria gewohnt bin. Eher Marke Tiefkühltruhe. American Style heißt das dort. Meine Frau probiert es mit spanisch. Am Ende haben wir jeder eine Limo und ein ganzes Blech von diesem Käsegebäck vor uns stehen. So geht Italien. Wir machen mit.
Zwei Stunden später sind wir dann auch im rosa Häuschen. Es ist dunkel. Hunde kläffen. Georgio lotst uns per Handy. Ich liebe Europa. Alles ist so einfach.

Ich parke zwischen Oliven. Gegenüber von Georgios Tomaten. Große, reife runzlige Landtomaten. Tomaten die es nicht mehr geben wird, wenn Monsanto mit der EU fertig ist. Jetzt gibt es sie noch. Georgio überreicht sie als Willkommensgruß. Zusammen mit einer Flasche Rotwein. Von Rebstöcken, die hier überall ums Haus herum wachsen. Süß und lecker. Keine Raffinesse. Gerade aus. Schnell sind zwei Gläser weg. Wir können das Auto noch umparken sagt Georgio. Die Nachbarn kommen diese Woche nicht mehr. Wir können uns direkt vor das Haus stellen. Ist sicherer. Der Rotwein hat mich entspannt gemacht. Ich vergesse die Handbremse. Gefühlte Fünf Tonnen Ford krachen gegen das Haus des Nachbarn. Die Hunde bellen wieder. Good Luck the House was there, we would say in Italy. Lacht Georgio. Das Haus steht noch. Gleich daneben geht es den Abhang runter zum Fluss. Zum Glück stand das Haus da. Denke ich.

Das Regenrohr ist platt. Ich trete die Stoßstange wieder in ihre ursprüngliche Form. Mit einem Plopp springt auch der Kotflügel wieder dorthin wo er hergekommen ist. Ich gieße mir Wein ein. Von Ärger ist auch noch nichts besser geworden.
Der Klempner hat mittags schon das Rohr repariert. Italien zeigt sich von seiner strukturierten Seite. Die Versicherung wird zahlen. Ich liebe Europa. Alles so einfach.

Ohne Bentley in Cannes
Nach einem Tag Wein und Tomaten von der Erde auf der wir schliefen geht es weiter. Die Familienkutsche ist wieder beladen. Alles Teddys aus den Ritzen des Hauses geklaubt. Vielleicht sind sogar alle Schuhe an Board. Das Volk hat nichts zur Abreise beigetragen. Das Volk hat vor allem gemault. Wann fahrn wir endlich zu Frankreich, weint das Jüngste schon seit Tagen. Ich will aber in der Mitte sitzen, mir wird sonst schleheecht mault der Älteste. Ich will aber auch mal in die Mitte mault die Mittlere und quält, um das Ganze noch spannender zu machen die Jüngste mit langen Nasen. Die steigt voll drauf ein und bekommt einen Veitstanz. Der Vater droht mit aussetzen. Die Mutter kratzt sich ihre Schuppenflechte. Georgio überreicht jetzt einen selbst angesetzten durch das Fenster und schüttelt noch einmal die Hand. Diesig liegen die Hügel in der Sonne. Unter Hundegebell rollt die Karawane davon. Genua, San Remo, Cannes. Es kann noch besser werden.

Die Cote Azur sieht noch genau so aus wie beim letzten Mal. Malerische Dörfer und Städtchen an blauem Mittelmeer. Rosa Haus an Rosa Haus wie Termitenhügel in der Sonne. Lange Zungen strecken sich in das Wasser. Molen für Yachthäfen bildend. Hier ist alles so fett, dass ich mich noch nicht einmal versuche zu recken, um oben mit dabei zu sein. Ich bin der Typ mit der zerbeulten Familienkutsche mit der Dachbox. Meinem Besucher Dasein hingegeben.

Die Kids interessiert es eine Scheiß was das hier ist. Sie spielen lautstark ihr Landkartenspiel. Ein Spiel mit beweglichen Regeln. Der Jüngsten sind sie nicht ansatzweise erklärt worden. Stimmung. Wann sind wir zu Frankreich? Zieht sie ihren Joker.
Cannes. Hier ist das Geld. Hier kommt der Klempner auch sofort. So viele Bentleys auf einem Haufen, wie sonst nur in Baden Baden zum Oldtimer Treffen. Doch die hier sind neu. Und die Stoßstangen vergoldet. Bis auf die versilberten Carrera GT dazwischen. Wir wollen irgendwo parken. Ein Eis in Cannes essen. Gucken ob jemand Berühmtes da ist. Was uns mit den Scheichs auf eine Ebene bringt. Die wollen auch nur gucken. Und ihren Bentley ausstellen versteht sich. Wir werden die Kutsche neben keinen von ihnen stellen. Wir kommen nicht ins Parkhaus. Unsere lichte Höhe ist 2,40 m. Das sind zwei Meter mehr als ein Maserati hat. Via Otres Direcciones bringt uns nach draußen.
Cannes uns mal.

Endlich Camping
Keiner musste kotzen. Nur ein Unfall auf den schmalen Serpentinen, der mehr Schaulust und Schadenfreude befriedigt hat, als er für Unfrieden und Ungeduld gesorgt hätte. Warum machen Menschen Camping? Ein Jahr später stehe ich wieder vor einem Camping Indigo Leinewandzelt mit inkludierter Dusche. Wessen Leben lebe ich hier? Ich starre auf riesige Felswände um mich herum, die von der Abendsonne angeleuchtet werden und frage mich, wo ich gutes WLAN herbekomme, um immer mal arbeiten zu können.

Angekommen. Mir dem Auto irgendwo angekommen. Der Körper ist angekommen. Und die Erwartungen sind auch angekommen. Wenn auch nicht dort wo sie losgegangen sind. Wieso steht das Zelt nicht am Fluss? Warum ist das Wasser kalt? Müssen die hier mit ihre Harleys durch Tal knallen. An der Rezeption bin ich der schwierige Gast, dem man es nicht recht machen kann. Zuhause habe ich WLAN. Dort weiß ich auch, welches Messer schneidet. Hier bin ich der Typ der in Cannes keinen Parkplatz gefunden hat. Der seine nöhlenden Gören 2000 Kilometer durch Europa geschippert hat, um drei Wochen nur mit ihnen abzuhängen. Und dann erstmal bei der Telekom anruft, um sein Datenpaket upzugraden. Das war einfach.
Ich liebe Europa. Ich liebe Camping. Dieses wilde, undomestizierte Sein.

berg

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