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Tue einfach das Ding, das du liebst

Manchmal habe ich mir schon vorgestellt, wie das Leben wäre, wenn ich mich statt Aufstieg für Abstieg entschieden hätte. Ich meine: manche brauchen sich für sowas nicht zu entscheiden. Das Leben kann seltsame Wege gehen. Scheidungen. Bankrotts. Krankheiten. Ich sitze gerade in einem erste Klasse Abteil und schaue auf die Skyline von Frankfurt. Dem einen oder anderen mag das unangebracht erscheinen, jetzt solche Gedanken zu haben. Doch ich habe gerade über eine ehemalige Designerin gelesen, die von den Penthäusern Wiens in die Bergdörfer gezogen ist, um vor Wirtschaftskrise und Schulden zu fliehen.

Ich selbst lebe in einem Umfeld, in dem man seine Gedanken auf das ausrichtet, was man anstrebt, was man sich wünscht. Das ist eine relativ neue Geistesschule, die soweit ich das überblicken kann, glücklichere Menschen hervorbringt. Mit Werkzeugen an der Hand, mit denen sie sich am eigenen Schopf durchs Leben ziehen können. Mit einer Community, die einen darin bestärkt.
Drum gruselt es mich ein bißchen, mit die andere Seite auszumalen. Die Seite in der ich ganz losgelassen habe. Mich und meine Anvertrauten ins löchrige soziale Netz des Staates fallen gelassen habe. Toast und Scheibletten Käse im Kühlschrank. Und Öttinger Bier. Die Designerin hat irgendwann ein ganzes Buch über das Thema geschrieben. Es ist ein Spiegelbestseller. Ob sie dann wieder ins Penthouse gezogen ist, weiß ich nicht. Vielleicht musste sie auch einfach den Nachbarn keine Hühner mehr klauen, und konnte immer mal wieder zu Alnatura gehen.

Es hat bei Künstlern eine gewisse Romantik, arm zu sein. Zu entsagen. Ganz für seine Kunst zu leben. Den ganzen Tag im zerschlissenen Morgenmantel durchs Haus zu schlurfen. In den Kühlschrank schauen, der leer ist. Die Blechschachtel mit der letzten Überweisung für eine kleine Kolumne schütteln, und dann doch wieder ins Zimmer mit der Schreibmaschine zurück zu trotten. Oder ins Bett. Oder vor den Fernseher. Und sich dann von einem reichen Freund zum Essen einladen lassen. Richtig essen. Um den Kellner ranzupfeifen, und zu sagen: Herr Ober, der Champagner ist aber nicht wirklich kalt.
Der erfolgreiche Künstler will aber immer in der Nähe von Champagner leben. Der erfolgreiche Künstler liebt Statussymbole. Ich liebe Status Symbole. Markenschuhe, Rechner, Autos, Designermöbel. Villen. Zieht der Ingenieur oder der Künstler in die Villa ein, die im Äther für mich bereit steht?
Unsere neue Welt hat mehr reiche Nerds hervorgebracht, als reiche Künstler. Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Bill Gates. Steve Jobs ist außerdem ein großes Vorbild in Sachen Inneneinrichtung großer kalifornischer Villen. Mark Zuckerberg ist einfach nur ein Symbol dafür, dass unsympathische soziophobe Pickelgesichter es mit ein paar Zeilen Code zur richtigen Zeit, auch bis in den Olymp schaffen können.

Die materialistische Seite des Neides will einfach erstmal nur haben. Den Erfolg haben. Die Kohle haben. Erstmal das alles auch haben, egal womit, und dann vom sicheren Schreibzimmer der Villa aus, die feinsinnige Seite des Lebens erkunden. Das macht sich von der Vorstadt Sozialwohnung aus nicht so gut. Nicht in echt. Als Geschichte ist es super, und bestimmt auch ein Verkaufsargument. Wer aus dem Ghetto wieder rauskommt, der hat die Schwerkraft ohne Raketenantrieb überwunden. Der Stoff aus dem die guten Pressemitteilungen gemacht sind.

Doch wenn es keine Geschichte ist, und man wirklich aus den ungeputzten Fenstern auf die Wäschestangen voller Kik Klamotten schaut. Auf die Jungs die draußen mit ihrem Rudel Kampfhunde Gassi gehen. Dann werden einen Gedanken plagen, die keine gute Geschichte abgeben. Scheiße die keiner hören will. Hier komme ich nie raus. Ich erschieß mich jetzt. Oder doch lieber Insulin Überdosis. Heroin sieht nicht schön aus, wenn man gefunden wird. Genauso wie Kopfschuss. Wo habe ich die Abbiegung verpasst? Ich hätte hier und da, dies und das machen sollen. Und so geht das dann den ganzen Tag. Noch ne Kippe, noch ein Bier. Saufen und schreiben aus reiner Lust und ohne Selbstzweifel, das konnte nur Bukowski gut.

Tue einfach das Ding, das du liebst, und der Erfolg wird folgen. Das klingt fast so als könnte man es verstehen, aber es ist ein Koan. Was ist das Ding das ich liebe. Und wie schafft man es, nicht auf den Erfolg zu schielen. Auf die Kohle. Auf den Ruhm. Jeder begonnenen Sache ist das große Bild vom auf Händen getragen werden inhärent. Wer einmal gesehen hat, wie Erfolg aussieht, wie Champagner schmeckt, welche Achttausend Euro Sessel man sich in seine Designer Villa stellen kann, der tut nichts mehr der Sache wegen. Ist käuflich vor sich selbst. Korumpierbar durch das Volk. Werden sie mich morgen noch lieben, wenn ich einen anderen Ton anschlage?

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