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wurzeln

Von den Wurzeln der Kultur

Es gibt Menschen, die haben meinen außerordentlich tiefsten Respekt. Zum Beispiel Menschen, die es auf sich nehmen, kleinen Kindern Instrumente beizubringen. Das Hören Lernen von Musik und Noten, ein Gefühl von Einklang, Gleichklang sensibilisieren. Sich freiwillig ins Land der immer schiefen Töne begeben. Sich mit Willen und Unerschütterlichkeit an die Front des Missklangs werfen und ihn Note für Note, Musikstunde um Musikstunde um eine kleine Harmonie reicher machen. Diese zappeligen kleinen Punks, die von ihren Eltern für hochbegabt gehalten werden, krampfen sich mit kleinen, feuchten Händen an Blockflöten, Geigen, Chellos und Trompeten fest und versuchen diesen Teilen Töne zu entlocken. Erst überhaupt Töne. Dann gerade Töne. Dann aufeinander folgende gerade Töne.

Eine Aufführung. Der Höhepunkt langwieriger Exerzitien die hinter den Mauern der Musikschule stattfanden. Von keinem blutenden Ohr gehört. Nur von der Pädagogin in stillem Leid ertragen. Auf den Tag hinarbeitend, wo ein Ton zum anderen passt. Das aufgekratzte Volk sich dem hingegeben schwingenden Rhythmus ihres Körpers anpasst, und die Einheit findet. Oder einfach genug Konzentration, sich des Notenblattes von vorn bis hinten ganz zu widmen. Man muss ganz in der Vision leben können, um aus dem Wirrwarr der ersten Stunden, diese Minuten der Konzentration in der Öffentlichkeit sehen zu können. Die wenigen Muscheln in denen sich Perlen befinden. Und diese dann noch zu polieren.

Im Foyer spielt laut eine Gitarrenband. Schon nach der ersten Treppe freue ich mich über eine kleine Rotkäppchen Bar. Noch nichts eingeschenkt. Keine Flasche offen. Der Saal aber ist schon voll. Voll für Sonntag Nachmittag. Voller Familien.
Was sieht der Konzertknigge denn vor? Wende ich den Insassen der Reihe durch die ich mich quetsche meinen Reißverschluss oder meinen Hintern zu. Seit Fight Club bin ich da wirklich unschlüssig. Doch Google gibt Auskunft. Also nicke ich freundlich entschuldigend den Leuten zu, die ihre Knie unmotiviert symbolisch leicht zur Seite neigen und wende meinen Hintern dem Orchester zu, das aufgeregt und ohne Erfolg ein Mikrophon für die Veranstalterin sucht.

Ein junger Pianist beginnt den kulturellen Akt. Ich liebe Musik. Er spielt einen zeitgenössischen Kollegen von Einaudi. Ich konzentriere mich auf den inneren Musiklehrer in mir. Der mit der Vision vom großen Einklang der Menschheit. So komme ich hier gut durch. Der junge Mann flüchtet nach bestandener Abgabe seiner Leistungen von der Bühne. Nur die Mütter scheinen wirklich gern hier zu sein. Mit rasselnden und quäkenden Kleinkindern im Tragetuch. Mit der typischen praktischen „ich bin gerade keine Frau ich bin nur Mutter“ Kurzhaarfrisur. Eine Frisur aus der sich Grießbrei, Milchreis und alle anderen Speiseexperimente des Nachwuchses schadlos wieder entfernen lassen. Dies sind die wirklich gespaltenen Persönlichkeiten hier im Raum. Den Säugling voll bei der Stange halten, und dabei der Achtjährigen, die sich verkrampft an ihre Blockflöte klammert das Gefühl geben, nur für sie da zu sein.

Jetzt kommen die Geiger. Anstelle des langmütigen Musiklehrers spielt mein Hirn jetzt Hannibal aus. Ich habe zu viele Erwachsenenfilme gesehen, um so eine Veranstaltung in totaler Unschuld verbringen zu können. Doch bis zum Kalbsbries können noch viele hoffnungsvolle Übungsstunden vergehen, und Liebe und Hinwendung kann noch so manchen schiefen Ton ausgleichen. Zum Glück reitet nun eine engagierte Pianistin das Geigensextett in den sicheren Hafen eines verdienten Applauses. Diese nicht zu zähmenden Töne brauchen einfach ein wenig forsch vorgetragene Struktur und Führung.

Jetzt kommt der Part der die Eltern mit ins Boot holt. Noahs Arche läuft vom Stapel und hat einen Haufen musizierender Tiere mitgenommen. Spätestens beim Tiger, also Strophe 10 von 20, bin ich voll dabei. Eine leichte Bierzelt Stimmung macht sich breit. Auch woanders ist leichtes Schunkeln zu bemerken. Dramaturgisch ein voll durchdachtes Konzept. Klatschen und Extrarunden und lustig hochgehaltene Handpuppen, die alle noch einmal zum Crescendo aller Stimmen und Instrumente abheben.

Erschöpft vom Stillhalten kommen meine Musikanten von der Bühne. Unwillig die Dankesreden regionaler Politiker, die die Gunst der Stunde nutzen wollen, über sich ergehen zu lassen, ergreifen sie Trompetenkoffer schwenkend die Flucht. Leicht wehmütig ziehe ich erneut an Sektbar und Bigband vorbei, die jetzt den entspannteren Teil des kulturellen Ereignisses einleiten sollen. Doch so gebe ich mich hin, den Lohn im Gegenwärtigen findend. So wie die Musikpädagogin im geraden Ton des Einzelnen Anvertrauten. Oder in Strophe zehn der Arche Noah. Wenn der Tiger die Trommel schlägt und alle kurz im Schunkeln Anlass und Tag vergessen haben.

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